Gewaltlosigkeit über alles?
Januar 4, 2008 — PhilipFrüher habe ich gedacht, Jesus würde einen radikalen Pazifismus lehren. Also Gewaltlosigkeit unter allen Umständen. Inzwischen sehe ich das anders. Sehr bekannt ist ja diese Bibelstelle:
Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2.Mose 21,24): »Auge um Auge, Zahn um Zahn.«
Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.
(Mt. 5,38 f.)
Wer also meint, er könne mit “Auge um Auge, Zahn um Zahn” seine Rache legitimieren, liegt auf jeden Fall falsch. Jesus macht das deutlich, er nimmt sogar nochmal deutlich Bezug auf genau diese Bibelstelle.
Jesus erteilt eine klare Absage an die Rache. Wenn mich jemand schlägt, dann ist das kein Grund, es genauso zu tun. Rache soll kein Motiv für Gewalt sein. Es ist besser, wenn wir lernen, das zu erdulden und friedfertig bleiben. Denn wie wir wissen, soll man sich von der Liebe leiten lassen:
Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz?
Jesus aber antwortete ihm: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt« (5.Mose 6,5).
Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3.Mose 19,18).
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.
(Mt. 22,36 ff.)
Meint Jesus, dass wir unter keinen Umständen Gewalt ausüben dürfen? Früher habe ich so gedacht. Inzwischen denke ich, dass man mit dieser Interpretation zuviel in Mt. 5,39 hineinlegen würde.
Was ist, wenn eine mir nahe stehende Person mit dem Tod bedroht würde und ich die Gelegenheit hätte, ihr zu helfen, indem ich dem Verbrecher Gewalt antue?
Soll ich dann auch Gewalt vermeiden und nur ausschließlich Worte benutzen? Ich denke nicht, dass Jesus das so gemeint hat. Vielmehr wäre es doch Ausdruck meiner Liebe, der bedrohten Person zu helfen. Nothilfe und Notwehr kann in bestimmten Situationen okay sein. Also Gewalt, um eine unmittelbare Gefahr für ein menschliches Leben abzuwenden. Gewalt mit Rache als Motiv ist dagegen auf keinen Fall Ausdruck der Liebe!
Weiter aufschlussreich ist hier die Bibelstelle bei der Gefangennahme von Jesus.
Simon Petrus aber hatte ein Schwert und zog es und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm sein rechtes Ohr ab. Und der Knecht hieß Malchus.
Da sprach Jesus zu Petrus: Steck dein Schwert in die Scheide! Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?
(Joh. 18,10 f.)
Als ich selbst noch für radikale Gewaltlosigkeit war und mal wieder diese Stelle gelesen habe, bin ich richtig erschrocken. Ich kannte die Stelle natürlich schon, aber sonst habe ich es eher als einen Hinweis gesehen, dass Gewalt grundsätzlich falsch ist.
Aber Petrus hatte ein Schwert! So hatte ich es noch nie so gesehen. Wo kommt denn dieses Schwert her? Petrus war drei Jahre mit Jesus unterwegs und er hatte ein Schwert. Warum hat Jesus dann nicht mal mit Petrus ein ernstes Wörtchen geredet, dass er das Schwert wegwerfen soll? Das hat Jesus aber nicht gemacht, sondern er hat akzeptiert, dass Petrus ein Schwert besitzt. Daraus kann ich nur den einen Schluss ziehen, nämlich dass man absolute Liebe nicht mit absoluter Gewaltlosigkeit gleichsetzen kann.
Gewaltlosigkeit ist definitiv ein Gebot und wichtig. Jesus erzählt von Verzicht auf Gewalt, damit die Leute ein besseres Verständnis dafür bekommen, was Liebe bedeutet. Irgendwie ist Gewaltlosigkeit nämlich im Gebot der Nächstenliebe enthalten. Aber es ist nicht Deckungsgleich damit. Ich erkenne an, dass es Situationen geben kann, in denen diese beiden Gebote sogar in Konflikt zueinander stehen. Und den Vorrang hat dann die Liebe.
Das soll kein Aufruf oder Rechtfertigung zur allgemeinen Bewaffnung sein. Im Gegenteil. Wenn wir eine Waffe haben, dann sind wir immer in der Versuchung, dummes Zeug damit anzustellen. Deshalb ist es für jeden besser, keine Waffe zu besitzen.