Wo habt ihr gestern das EM-Finale angeschaut? Zuhause, bei Freunden,auf einer der Public Viewing Anlagen, oder vielleicht sogar direkt im Stadion?
Vielleicht interessiert euch Fußball auch überhaupt nicht, aber ihr werdet vielleicht troftzdem etwas von diesem Gemeinschaftsgefühl gespürt haben, das durch Deutschland gegangen ist. Und wer will denn nun sagen, dass dieses Wir-Gefühl nicht etwas Schönes ist? Es ist schön zu sehen, wie die Menschen einfach zusammen kommen und zusammen halten. Obwohl sie sich nicht kennen und obwohl sie wohl sehr unterschiedliche Meinungen zu den verschiedensten Dingen haben und sich wohl nicht auf viel Gemeinsames einigen könnten. Doch das ist in dem Moment einfach ausgeblendet und es zählt nur das, was verbindet: Deutschland.
Es ist altbekannt, dass dieser Zusammenhalt auch ein hässliches Gesicht entwickeln kann. Da muss man nichtmal die Extrembeispiele wie den Faschismus anführen, um zu sehen, dass ein übersteigerter Patriotismus Hauptverursacher von vielen Konflikten ist. Das fängt schon im Kleinen an, wenn z.B. vor dem Halbfinalspiel bei der türkischen Nationalhymne gepfiffen wird. Sowas passiert immer dann, wenn der Blick von dem weggeht, was das Kollektiv verbindet, hin zu dem, was sie von anderen Menschen trennt. Je mehr sich das Wir-Gefühl aufbaut, desto größer wird der Graben zu “den Anderen”. Das geschieht immer gleichzeitig, so dass sich die Frage stellt, ob das ein Automatismus ist, oder ob man das Positive von dem Negativen trennen kann. Ich denke, dass man das schon trennen kann. Aber nur dann, wenn man sich bewusst macht, dass man den Graben zu “den Anderen” zuschütten muss. Man muss kontinuierlich gegen die negativen Auswirkungen aktiv werden.
Bezüglich des Patriotismus habe ich trotzdem Bedenken, was den Nutzen des Wir-Gefühls angeht. Was letztlich rausspringen sollte, ist ein gemeinsames, positives Ziel. Dann würde es sich in der Tat lohnen, das oben beschriebene Risiko einzugehen, dass der Patriotismus Konflikte schürt. Ein formuliertes Ziel könnte sein, dass wir unser Land voran bringen wollen. Aber warum ausgerechnet unser Land? Was ist mit den anderen Menschen? Sollten wir uns nicht lieber das Ziel setzen, die Welt voran zu bringen? Dieses Ziel kann der Patriotismus aber nicht anbieten.
Und letztlich ist auch die Umsetzung des Ziels problematisch. Wie wollen wir etwas gutes für unser Land tun? Können wir uns auf einen einzigen gemeinsamen Programmpunkt einigen, oder hat nicht jeder seine eigene Vorstellungen, was unser Land voran bringt?
Ähnlich wie mit dem Patriotismus verhält es sich auch mit dem Glaube an Jesus Christus. Der Glaube verbindet und der Glaube trennt. Es ist schön zu sehen, wie der gemeinsame Glaube Menschen aus den unterschiedlichsten Völkern und Nationen verbinden kann. Meine kleine Gemeinde wurde beispielsweise von einer koreanischen Familie gegründet und auch wenn diese Kultur einem Deutschen doch recht fremd ist, fällt das kaum auf, denn was uns verbindet ist stärker, als uns die unterschiedlichen Kulturen trennen können.
Und hier sehe ich, dass der Glaube an Christus schon allein deshalb mehr leisten kann, weil das Ziel viel umfassender ist und alle Menschen mit einschließen kann. Das “Wir” ist keine geschlossene Gesellschaft, sondern jeder ist Willkommen. Und es geht nicht nur um ein Land, sondern um die ganze Welt. Denn eines unserer gemeinsamen Ziele ist es, dass wir zusammen etwas Gutes für die Welt leisten. Wir sollen ein Segen sein (Sach 8,13).
Unterschiedliche Meinungen machen es auch hier schwer, die gemeinsamen Ziele umzusetzen. Doch Jesus gibt uns auch einen umfangreichen Leitfaden in die Hand, wie wir dieses Ziel umsetzen. Die Chance, dass wir aus dem Wir-Gefühl etwas Positives erschaffen, halte ich für sehr hoch. Jesus hat uns dazu alles dazu in die Hand gegeben, was wir brauchen. Der Glaube an Jesus sollte einen Nutzen für die Welt bringen. Es lohnt sich, nach den positiven Effekten zu streben.
Wie sollen wir Christen aber den trennenden Aspekten des Glaubens begegnen? Die Bibel beschreibt ja sehr deutlich, dass eine Grenze zwischen denen verläuft, die Jesus als ihren Erlöser angenommen haben und dem Rest. Nun stellt sich die Frage, was wir dagegen tun können. Wie wir oben ja schon erläutert haben, führt so eine Grabenbildung zu Konflikten zwischen den Gruppierungen. Für mich ist klar, dass wir den Graben überwinden müssen und zwar mit der Liebe. “Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst” sagt genau das aus.
Es ist aber auch so, dass der Graben von der “anderen Seite” aus vertieft wird. Das müssen wir einfach geduldig ertragen, sonst verlieren wir unsere Ziele aus den Augen.
Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.
Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
(Röm 12,16-18)