Das steckt ganz tief im Menschen drin: sich etwas verdienen wollen. Und das nicht (nur) aus egoistischem Antrieb. Das Gefühl, immer etwas leisten zu müssen, dient nicht dem eigenen Vorteil, sondern kommt von einer inneren Erkenntnis, dass man irgendwas schuldig geblieben ist und wiedergutmachen muss. Man muss sich dessen nicht einmal bewusst sein, doch das Handeln der Menschen deutet darauf hin, dass sie hier eine Verpflichtung fühlen.
Kennt ihr das Gefühl? Also ich habe z.B. ein sehr schlechtes Gefühl, wenn ich daran denke, dass mein Wohlstand für Bürgerkriege in Zentralafrika und in anderen Gegenden der Welt mitverantwortlich ist. Ich sollte den Menschen dort etwas abgeben, um ihre Not zu lindern. Oder ich habe ein schlechtes Gefühl, wenn ich weiß, dass mein Lebensstil für den Klimawandel mitverantwortlich ist. Vielleicht sollte ich sparsamer mit Ressourcen umgehen, also mehr Strom und Wasser sparen, mehr mit dem Fahrrad fahren, usw.
Habt ihr mal versucht, ein richtig guter Mensch zu sein? Ich schon. Und ich bin daran verzweifelt. Die Bergpredigt war meine Lieblingsstelle in der Bibel, weil sie in so radikaler Weise zu einem „guten“ Leben auffordert. Da habe ich gedacht: „Seht ihr, da steht doch alles, wie ihr euch verhalten sollt, aber ihr tut es nicht!“ Und das habe ich der Generation vor mir zum Vorwurf gemacht. Bis ich etwas älter wurde … da musste ich mich dann selbst am Maßstab der Bergpredigt messen! Und das Fazit war erschütternd. Bei allem, was ich tat, verblieb immer das Gefühl, mehr falsch als richtig getan zu haben, oder zumindest, dass ich noch mehr hätte tun können und müssen.
Dieser ganze „Make the world a better place“-Kram ging mir irgendwann ziemlich auf den Keks, weil es immer nur punktuell Verbesserung brachte und anschließend ging jeder wieder in den Alltagstrott über, wo weitergehasst und -gelogen wurde, wie immer. So ein hingebungsvolles Leben wie Jesus, vom Anfang bis zum bitteren Ende, so sollte es eigentlich sein.
Anschließend flüchtete ich mich in den Vergleich mit anderen: „Ok, ich schaffe es nicht, so ‘gut’ zu sein, wie ich mir das vorstelle, aber ich bin ja immer noch besser als die Meisten.“ Damit kann man sich arrangieren und viele leben so ihr ganzes Leben. Aber mir gab das keine Befriedigung. Es blieb ein schlechtes Gewissen, nicht genug zu tun. Und ja, schlimmer sogar, indem ich mich über die Anderen stelle, würdigte ich sie herab und das war der Ausgangspunkt für viele weitere falsche Taten.
Und dann begriff ich endlich, was Gottes Gnade bedeutet. Sie befreit mich von der Last, etwas leisten zu müssen. Natürlich, es bleibt dabei: ich soll Werke der Barmherzigkeit und Nächstenliebe tun, keine Frage. Aber die Last, dass ich immer noch mehr tun müsste, die mich letztlich so gelähmt und schwermütig gemacht hat, die darf ich bei Jesus abgeben! Ich darf im Glauben annehmen, dass er meine Last auf sich nimmt und trägt und dass er mich vor Gott gerecht macht.
Und *schwupp* da war sie weg, die Last. Ich kann nicht erklären, wie das funktioniert hat, denn ich verstehe das selbst nicht. Aber es ist ein Gefühl von unbeschreiblicher Freiheit, für die ich Jesus immer dankbar sein werde. Es fühlt sich so an, als wäre ich davor mit angezogener Handbremse durch’s Leben gefahren. Man muss sich das Leben nicht unnötig schwer machen. Die Gnade Gottes ist so ein großartiges Geschenk, also nimm’ sie doch einfach an. Auch dir will er sie schenken.
Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten,
und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.
(Römerbrief 3,23-24)
Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.
(Johannes 1,16)
Auch passend zum Thema: Gnade ist unfair!
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Pingback on Jun 24th, 2009 at 8:34
[...] dazu hat Philip einen Artikel über Gnade geschrieben, den man sich mal zu Gemüte führen sollte. Denn hier kommt [...]
Juni 24, 2009 at 3:38
Lieber Philip – Ein an eigener Lebenserfahrung geeichter Text, der mir gefällt. Ja, letztlich vollzieht sich die einem Fleischwolf gleichende Ereignis- und Kulturgeschichte des seiner eigentlichen Menschwerdung harrenden Menschen mit einer implizit oder explizit erlittenden Frage: Wie finde ich angesichts nie zu erfüllender, mir aufgrund dessen die Daseinsberechtigung stets absprechender Leistungskataloge den bedingungslos rechtfertigenden Zuspruch des Lebens selbst? Auch der auf
http://www.velkd.de/download/Haerle_rechtfertigung.pdf
nachzulesende Text widmet sich dieser Frage in aufschlußreicher Weise. Vielleicht interessiert dieser den einen oder anderen Leser.
Juni 24, 2009 at 4:20
..wie schön – Preis dem Herrn!!
HALELUJA
LG + Segen